Bunt

Antolin Quiz
von Cornelia Franz
Rezension von Janett Cernohuby | 03. März 2026

Bunt

Ist die Rede von Neurodivergenz, denkt man zuerst an Autismus, ADHS oder Legasthenie. Es gibt aber auch weniger bekannte Spektren, bei denen unser Gehirn Informationen anders verarbeitet. So gibt es Menschen, die mit dem Hören von Musik oder anderen Tönen Farben oder Geschmäcker verbinden. Synästhesie nennt sich dies und regte Cornelia Franz zu einem besonderen Jugendbuch an.

Wenn Töne zu Farben werden

Dabei ist das Setting des Romans relativ unspektakulär: Wir begleiten den Teenager Diego, der zwischen Schulalltag und Familie hin- und herpendelt. Er ist kein besonders guter Schüler, aber auch kein schlechter. In der Klasse kommt er mit allen gut zurecht, aber Freunde, mit denen er sich in seiner Freizeit trifft, hat er keine. Das liegt wohl auch daran, dass Diego sich zurückgezogen hat, und das aus einem bestimmten Grund. Diego verbindet mit Stimmen, Geräuschen und Musik bestimmte Farben und Formen. So ist Hadyas Lachen hellgrünes Brausepulver, während Jennis Bleistiftklackern wie Hagelkörner auf ihn einprasselt und Herrn Rohdes Stimme einer braunen Glibbermasse gleicht. Doch darüber spricht Diego nicht mehr, seit ihm seine Eltern ihm eine zu lebhafte Fantasie zugesprochen und ihn mit besorgten Blicken angesehen haben. Also ist er lieber still, bis ein Neue in die Klasse kommt.

Der Neue, der alles verändert

Ismael ist nach der Trennung seiner Eltern nach Hamburg gezogen. Er ist sehr selbstbewusst und schafft es, jeden sofort für sich zu gewinnen. Zwischen ihm und Diego entwickelt sich eine besondere Freundschaft. Ismael ist auch der erste, dem sich Diegeanvertraut. Statt zu lachen, hört Ismael zu, nimmt Diego ernst, begegnet ihm mit Verständnis und Interesse. Vielleicht rührt es daher, dass Ismael selbst eine Rot-Grün-Sehschwäche hat und weiß, wie es ist, anders zu sein. Auf jeden Fall wird er für Diego zu einer wichtigen Person, die ihm hilft, zu sich selbst zu finden. Als eine Klassenfahrt in die Heide mit Nachtwanderung zum Totengrund geplant wird, sträubt sich in Diego alles. Totengrund, das klingt wie eine bedrohliche Gewitterwolke. Mit flauem Gefühl im Magen, tritt Diego die Klassenfahrt an und auf der Reise gibt es immer wieder Momente, wo es ihm zu viel wird und er Ruhe sucht. Er beißt sich durch, bis es zur besagten Nachtwanderung kommt, die natürlich nicht gut verläuft. Diego verliert den Anschluss an die Klasse und verläuft sich in der nächtlichen Heide. Eine Suchaktion folgt, an deren Ende dem Jungen der Kragen platzt und er mit seinem Geheimnis nicht mehr zurückhalten kann. Doch anders als noch vor ein paar Jahren, wird er dieses Mal nicht ausgelacht, sondern ernst genommen. Und so kommt heraus, dass er keine lebhafte Fantasie hat, sondern Synästhetiker ist.

Verständnis wecken

Cornelia Franz erzählt diese Geschichte in einer Mischung aus Unaufgeregtheit und Mitgefühl. Durch die Ich-Erzählform ist man sehr nah an Diego, seiner Gefühls- und Gedankenwelt. Man kann sich in den Jungen hineinversetzen, fühlt mit ihm mit und kann seine Angst nachvollziehen. Denn würde er lediglich Rot-Grün nicht erkennen können, wäre dies nichts, worüber andere lachen würden. Oder hätte er Schwierigkeiten mit Worten oder Zahlen. Alles Spektrumsbilder, die einer breiten Masse bekannt sind. Anders ist es bei Synästhesie, also der Eigenschaft, Geräusche und Töne nicht nur zu hören, sondern auch sehen zu können. Davon haben die wenigsten gehört und daher werden Anzeichen dafür vermutlich eher als Tick abgestempelt, denn als andere Verarbeitung von Informationen. Apropos Ticks, Cornelia Franz baut noch eine weitere Person ein, die sich nicht ganz typisch verhält und die mit ihrem Gemurmel auffällt. Dieser Phillip wird damit zu einer Figur, die stellvertretend für all die neurodivergenten Menschen steht, die nicht gesehen oder gehört werden, die versuchen, sich an die Normalität anzupassen, um irgendwie durchzukommen. Diego hatte das Glück gesehen zu werden, Phillip dagegen nicht. Es gibt also noch viel zu tun, es muss noch viel Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass nicht alle Gehirne gleich arbeiten, sondern jeder Mensch andere Bedürfnisse hat. Manche Menschen sogar noch mehr.

„Bunt“ ist ein berührender und fesselnder Jugendroman über Anderssein und besondere Begabungen. Vor einem gewöhnlichen Schulsetting mit Klassenfahrt platziert Cornelia Franz einen Jungen, der Sprache, Geräusche und Töne nicht einfach nur hört, sondern mit ihnen auch Farben und Formen in Verbindung bringt. Das Buch ist Unterhaltung und Augenöffner zugleich, will nicht belehren, zeigt aber, wie vielschichtig Menschen in ihrem Wahrnehmen und Verhalten sind.

Details

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:

Könnte Ihnen auch gefallen: