Der Winter des Eichhörnchens

Antolin Quiz
von Werner Holzwarth, Mehrdad Zaeri (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 09. Dezember 2022

Der Winter des Eichhörnchens

Versteckt man etwas, will man dieses für Gewöhnlich vor anderen geheim halten. Man legt sich etwas auf die Seite, das man selber zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorholen möchte. Wenn man dann allerdings vergessen hat, wo sich dieses Versteck befindet, ist das ein ziemliches Unglück für den Betroffenen. Doch manchmal kann daraus auch Glück für jemanden anderen entstehen. So wie in Werner Holzwarths Bilderbuch „Der Winter des Eichhörnchens“.

Das Eichhörnchen und seine Nüsse

Schon als kleines Baby hatte das Eichhörnchen gelernt, dass es im Herbst Nüsse verstecken muss, wenn es im Winter etwas zu fressen haben wollte. Und so vergräbt es im Herbst Nüsse und findet sie im Winter wieder. Doch das Eichhörnchen wird älter und von Jahr zu Jahr fällt es ihm schwerer, seine Nüsse wiederzufinden. Erst waren es nur ein paar wenige, die es nicht mehr fand, doch bald werden es immer mehr. Das macht das Eichhörnchen ziemlich wütend. Hungrig und schlapp sucht es dennoch weiter unter der Schneedecke. Ein Haselnussstrauch findet das sehr lustig und verspottet das vergessliche Eichhörnchen. Da wird er von einem anderen Strauch gerügt. Er solle froh sein, dass das Eichhörnchen nicht alle Nüsse finden und fressen würde. Denn nur so können aus den vergrabenen Nüssen neue Sträucher wachsen. Diese Worte lassen den Frust des Eichhörnchens verschwinden, denn es versteht nun, dass sein Vergessen einen Sinn hat und neuen Sträuchern das Leben schenkt. Mit einem Mal erscheint ihm sein Leben nicht mehr sinnlos, was es mit sich selbst ins Reine kommen lässt.

Der Winter des Eichhörnchens

Einfache Geschichte, tiefgründige Botschaft

Mit wenigen und klaren Worten erzählt Werner Holzwarth die Geschichte des Eichhörnchens. Es ist eine Geschichte, die einerseits traurig macht, in der aber andererseits auch Hoffnung liegt. Mit seiner Erzählung über das vergesslich werdende Eichhörnchen zeigt der Autor, dass alles im Leben einen Sinn hat und das nichts umsonst geschieht. Nicht immer erschließt sich uns dieser Sinn und manchmal braucht es jemanden, der uns beim Erkennen selbigen hilft.
Werner Holzwarth lässt das Ende seiner Geschichte offen. Er begleitet das Eichhörnchen vom Baby bis ins hohe Alter. In diesem Jahr, so erzählt der Autor, findet das Eichhörnchen kaum noch Nüsse, dafür aber einen Sinn hinter seinem Vergessens. Wir sehen es von dannen springen. Doch wohin? Was passiert mit ihm? Muss es verhungern? Reichen die gefundenen Vorräte, um den Winter zu überleben? Das letzte Bild zeigt uns eine Winterlandschaft ohne Eichhörnchen. Was bedeutet dies? Ist das Eichhörnchen verstorben oder einfach nur schon weitergezogen? Wird es im nächsten Herbst wieder Nüsse verstecken? Dieses offene Ende kann von jedem anders interpretiert werden, aber Werner Holzwarths tiefere Botschaft bleibt unveränderlich und hilft uns dabei, das Eichhörnchen seinen Weg ziehen zu lassen. Egal wie dieser aussieht.
Nicht nur die Geschichte kommt mit wenigen Worten aus, auch die Illustrationen sind stark reduziert. Sie konzentrieren sich auf das wenige und bringen damit das Wesentliche auf den Punkt. Die anfängliche Herbstlandschaft geht in eine Winterszene über, die trotz der verstreichenden Jahre bleibt. Einzig kommen erst Gräser, später Sträucher hinzu. Es sind die Nüsse, die da im Boden zu keimen begonnen haben und nun ein neues Landschaftsbild prägen. Mehrdad Zaeri transportiert mit seinen minimalistischen Bildern starke Emotionen und Botschaften. Unser Blick fällt auf das verzweifelte, schon etwas abgemagerte Eichhörnchen, das seine Nüsse nicht finden kann. Wir fühlen seine Verzweiflung, seine Not. Gleichzeitig ist da auch dieser Hoffnungsschimmer, dass seine Nüsse nicht wirklich verloren sind, sondern aus ihnen etwas Neues gewachsen ist. Die aufgehende Sonne, die Sträucher in der Morgendämmerung bringt die Zuversicht und Hoffnung mit, die hinter Werner Holzwarths Geschichte liegt.

Der Winter des Eichhörnchens

„Der Winter des Eichhörnchens“ ist eine mit reduzierten Worten und Bildern erzählte Geschichte, in der zugleich unglaublich viel Tiefe liegt. Die Erzählung über das alternde Eichhörnchen regt zum Nachdenken an und lässt Fragen aufkommen, aus denen sich zwischen kleinen und großen Betrachtenden spannende und tiefgehende Gespräche entwickeln. Ein sehr gefühlvolles und tiefgründiges Bilderbuch, das sehr zu empfehlen ist.

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