Taras Augen

von Katharina Bendixen
Rezension von Janett Cernohuby | 03. Mai 2022

Taras Augen

Das Thema Umweltzerstörung bewegt uns alle. Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt und der Verbrauch von Ressourcen sind nur einige der zahlreichen damit zusammenhängenden Themen. Der Unfall in einer Chemiefabrik hat ebenfalls fatale Auswirkungen - nicht nur auf die Flora und Fauna, sondern auch auf uns Menschen. Katharina Bendixen schuf ein solches Szenario und lässt es dystopische Züge annehmen.

Explosion in Factory 11

Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag, an dem ein Knall das Leben Tausender verändert. In Factory 11, einem Chemielabor, in dem Medikamente hergestellt und wo auch an einem unbekannten Wirkstoff geforscht wird, ist es zu einer Katastrophe gekommen. Die Bewohner flüchten, kommen in einer nahegelegenen Großstadt unter. Darunter sind auch die Teenager Tara und Alún, Nachbarn und mehr als nur Freunde. Doch diese Freundschaft ist vor einigen Monaten in die Brüche gegangen. Grund war ein dummer Streit. Doch nun scheint eine Versöhnung unmöglich geworden zu sein. Denn während Alúns Familie genügend Geld besitzt, um in der Stadt einen Neuanfang zu starten, kommt Taras Familie in einer der Notunterkünfte unter. Nach fünf Monaten müssen sie in ihr altes Zuhause zurückkehren. Die Belastung durch den Unfall ist angeblich nicht so hoch und darum besteht auch keine Gefahr für Menschen. Behauptet zumindest TNE, der Factory 11 gehört. Doch mit der Zeit erblinden einige der Rückkehrer, darunter auch Tara.
Währenddessen versucht Alún seinen Platz im neuen Leben zu finden. Erfolglos. Zu sehr vermisst er Tara und so schließt er sich schon bald schließt Aktivisten an, die gegen die Machenschaften von TNE protestieren.

Zwischen Liebe, Umweltkatastrophe und der Suche nach Freiheit

Katharina Bendixen präsentiert einen Jugendroman vor einem Hintergrund, der in nicht allzu ferner Zukunft platziert ist. Im Mittelpunkt steht ein folgeschwerer Chemieunfall, der einen ganzen Landstrich für lange Zeit verseucht hat, der aber auch die skrupellosen Machenschaften von gewinnorientierten Firmen zeigt. Hier wird die Notlage von Menschen ausgenutzt, um sie in ein kontaminiertes Gebiet zurückzuzwingen und sie dort sich selbst zu überlassen. Der übrigen Welt (die sich hier jedoch auf eine Großstadt beschränkt) wird erzählt, dass alles in Ordnung sei. Dass den Menschen in der sogenannten „Gelben Zone“ keine Gefahr drohe. Kritische Gegenstimmen werden im Keim erstickt. Schnell erkennt die Leserschaft, dass diese zukünftige Gesellschaft zu einem Überwachungsstaat geworden ist. Wie sehr, wird nicht näher betrachtet. Denn der Roman will nicht allein gesellschaftskritisch sein, sondern vor allem die Beziehung zwischen Tara und Alún in den Vordergrund rücken. Zwei Teenager, die seit ihrer Kindheit befreundet waren, die füreinander mehr empfinden, die sich aber fünf Monate vor der Katastrophe zerstritten haben und nun durch den Unfall endgültig getrennt sind. Dennoch versuchen sie, wieder zueinander zu finden. Das ist gar nicht so einfach in einer Welt, wie der hier beschriebenen.
Katharina Bendixen erzählt ihren Roman abwechselnd aus der Sicht von Tara und Alún. So kann die Leserschaft eine enge Beziehung zu den beiden Teenagern aufbauen. Tara war vor dem Unglück eine leidenschaftliche Schwimmerin, doch nach der Rückkehr in die Gelbe Zone und mit dem Erblinden verliert sie ihre Lebensfreude und wird lethargisch. Alún verfügt über künstlerische Talente, ist ein begnadeter Zeichner, doch auch er findet seinen Platz nicht mehr und verschwendet sein Talent auf das Zeichnen und Kleben von Fliesen - etwas, das man mit dem Sprühen von Graffiti gleichsetzen kann. Auch ihm fehlt es an Motivation und einer Perspektive und so begibt er sich in einen Grenzbereich zwischen Erlaubtem und Verbotenem.
Der Roman beginnt sehr temporeich, sehr spannend. Wir erleben den Chemieunfall mit, springen dann ein halbes Jahr weiter, als die Menschen gezwungen werden, in ihre Heimat zurückzukehren. Zunächst noch fesselnd erzählt, verpufft die die Spannung und die dystopische Atmosphäre mit der Zeit, wie die schwarze Wolke über Factory 11. Verschiedene potenzialträchtige Stränge werden angedeutet, aber nicht weiterverfolgt. Die Handlung verliert nach und nach an Tempo und Spannung und plätschert irgendwann dahin. Am Ende nimmt die Geschichte zwar noch einmal Fahrt auf, doch so richtig vermag es der Autorin nicht mehr gelingen, die Stimmung rumzureißen. Schade.

„Taras Augen“ ist ein dystopischer Jugendroman in einer gar nicht so weit entfernten Zukunft. Ein Chemieunfall verändert das Leben einer ganzen Region, staatliche Macht und Missbrauch tragen ihres dazu bei, eine kaputte Gesellschaft zu formen. Vieles wird angedeutet, bleibt aber offen. Denn der Fokus ruht auf den zwei Teenagern, die nach der Katastrophe versuchen, an ein Leben anzuknüpfen und  ihre zerbrochene Freundschaft zu kitten. Was spannend und temporeich beginnt, verliert zwar im Laufe der Handlung an Fahrt, jedoch drängt es die Leserschaft herauszufinden, welchen Ausgang die Ereignisse nehmen werden.

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